Der Lehrer als eigener Strippenzieher - H.Meyer in Demuth/Meyer/Fischer: Unterricht weiterentwickeln und beurteilen, CAU Kiel, 2016

Blogparade: Was ist Partizipation und wenn ja wie viele?

Ein Beitrag zum Diskurs zwischen @halbtagsblog und @DejanFreiburg auf Twitter im September 2016

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“ Paracelsus

Voweg: Diskurs ist wichtig und wird m.E. oft zu wenig in Schule geführt. Aus einem Vortrag von John Hattie erinnere ich, dass auch für ihn zählt, dass Lehrer nicht über Schüler sondern über ihren Unterricht sprechen! Twitter als Austauschmedium engagierter und kommunikativer Lehrkräfte hat leider nur einen Mangel: 140 Zeichen! Aus diesem Mangel entsteht nun auch dieser Beitrag.

Die Diskussion beginnt mit einem Beitrag von @halbtagsblog auf seinem Blog über Erziehungserfahrungen. Ich entscheide!

Eine zentrale These des Beitrags lautet: Vor die Wahl stellen kann (seine Tochter) überfordern, Schüler auch.

„Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich. Im Unterricht beobachte ich ähnliches“

[…] Die Wahl zu haben, führt zu Unzufriedenheit. […] Ich glaube, dass Kinder unglücklich werden können, wenn sie zu früh mit viel Verantwortung belastet werden. […] Auch im Unterricht erkläre ich mein Verhalten gerne (“Verstehst du, warum …?”), aber die Entscheidungen treffe ich. […] ich muss aber gestehen, dass ich Kinder auch gerne Kinder sein lasse: Ihr geht spielen, ich sorge dafür, dass alles reibungslos läuft. […] Ich erkläre. Aber: Ich entscheide.

Auf Twitter nimmt sich @DejanFreiburg den Beitrag zum Anlass das Thema Partizipation in Schulen anzusprechen.

In die sich daraus entwickelnde Diskussion habe ich mich eingemischt, weil mir schon in den ersten beiden Beiträgen von @halbtagsblog und @DejanFreiburg eines auffiel und das eint euch „Jungs“: Ihr verkürzt und provoziert bewusst. Schon die Überschrift „Ich entscheide“ bringt das Thema zwar auf den Punkt, letztlich stimmt @halbtagsblog bestimmt zu, dass er nicht immer entscheidet. Und das @DejanFreiburg daraus ableitetet, dass alle Lehrkräfte so handeln und nur Küchenpsychologie betreiben kann ich mir auch nicht ernsthaft vorstellen. Es ist halt twitter und wir sind auch nur Menschen…

Dieses Phänomen ist übrigens auch auf andere Diskussionen auf twitter übertragbar. Unterricht ist niemals schwarz oder weiß. Er ist bunt! Ich finde den Vergleich zu einem Fußballspiel passend. Jede Mannschaft ist anders, jeder Platz, jedes Turnier. Viererkette hat in den 90gern bei Werder Bremen nicht geklappt. Heute klappt sie wieder nicht, zwischendurch war man Meister und Pokalsieger. Übrigens auch gut so. Stellt euch mal vor Unterricht wäre immer, wie der FC Bayern?

@flippedmathe gibt diese Grautöne zwischendurch zu bedenken und auch mir liegt an der Diskussion das Konkrete im Unterricht. Die Forderung nach Partizipation im Unterricht kann sicher jeder von uns unterstreichen, die Forderung nach Integration auch, die Forderung nach Differenzierung, Interessenförderung, Hochbegabtenförderung, Inklusion, politischer Teilhabe, ökologischem Bewusstsein, gesunder Ernährung, digitalem Lernen und kooperativem Arbeiten uvm. auch. Auf dieser Ebene sind das aber Worthülsen.

Was bedeutet Partizipation im schulischen Kontext konkret?

Wann ist sie sinnvoll? Wann ist sie nicht sinnvoll? 

@DejanFreiburg verfasst dazu den ersten Blogbeitrag der #Blogparade #Partizipation. Er definiert hier einen ersten allgemeinen Ansatz für Schulen

Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Abstufungen: Von der Informierung, über Mitsprache bis hin zu zahlreichen Formen der Mitentscheidung.

Bezogen auf die Jugendstudie BW 2015 zeigt sich:

In Bereichen, die Lehrende wenig betreffen bzw. in ihrer Arbeit einschränken, werden eher Räume für Mitbestimmung ermöglicht. Je stärker aber die Kernaufgaben des Lehrens beeinträchtigt wird, desto weniger findet Partizipation von Schüler*innen statt. […]

Nein, ich möchte keine von Schüler*innen regierte Bildungseinrichtung. Aber ich wünsche mir mehr WIR. Und das kann meiner Meinung nach nicht mit zu viel ICH entscheide und zu wenig Mündigkeit gelingen. […]

Die Frage, an welcher Stelle und welches Maß an Beteiligung meine Schule leisten kann und möchte, ist es. Die Antworten darauf muss letztendlich jedes Kollegium für sich und mit der Schülerschaft immer wieder neu aushandeln.

Meine Antwort auf den Blogbeitrag war zunächst instinktiv: „Alles richtig!“ Und um den Spannungsbogen weiter aufzubauen: BEIDE HABEN NUN RECHT!

In meinem Verständnis der Diskussion akzentuiert @Halbtagsblog Situationen in denen Kinder und Jugendliche überfordert sind mit Freiheit und Entscheidung. @DejanFreiburg zeigt sich besorgt über den anderen Pol dieser Linie an dem Lehrer daraus eine Attitüde entwickeln, die keinerlei Mitbestimmung erlaubt.

Interessanterweise hat mich dieses Thema schon mehrfach gestreift. Ich selber nehme eine Position in der Mitte ein.

Vor einigen Jahren, als Hattie gerade in aller Munde und die Zeitungen voller „Auf den Lehrer kommt es an“ sind, ist mir in der MNU Zeitschrift ein Beitrag eines Didaktikkollegen aufgefallen, der mit dieser Aussage gerne den experimentellen Unterricht in Physik abschaffen wollte. (überspitzt ausgedrückt)

Letzlich ging es auch um die Rolle des Lehrers. Ist er nur Moderator oder Regisseur im Unterricht?

In einem Beitrag dazu habe ich dagegen gehalten, weil mir die Rolle vieler Lehrkräfte durchaus zu zentriert ist. Hattie wird zwar oft als „teacher matters“ verstanden, sein Ranking zeichnet aber eigentlich ein anderes Bild. Die Diskussion habe ich hier einmal angehängt. Die Diskussion hier noch einmal auszubreiten würde den Artikel endgültig sprengen. Wer liest stellt aber fest, das ich hier eigentlich sehr auf der Seite der Partizipation stehe.

Auf den Punkt hier meine Schlußfolgerung in Anlehnung an Helmke:

„Wir sollten lernen, uns von Schwarzweiß Bildern zu verabschieden, nach dem Motto: entweder
radikal schülergelenkter Unterricht, verbunden mit selbstgesteuertem Lernen und dem Lehrer in einer
Rückzugsrolle – oder radikal lehrerzentrierter und –gesteuerter Unterricht, mit Schülern, die
schweigend zuhören. Das sind beides Extremformen, ja Karikaturen. Unterschiedliche Bildungsziele und Kompetenzen erfordern natürlich einen guten Mix, eine angemessene Balance von Instruktion und Konstruktion, von eher lehrer- und eher schülergelenkten Phasen des Unterrichts.“
(HELMKE & REINHARDT, 2013, S.9)

Auf der anderen Seite auch hier der andere Pol:

Bei allem, und da gebe ich Herrn SCHECKER und Herrn HATTIE in aller Deutlichkeit recht, muss allerdings der Lehrer über möglichst fundiertes fachdidaktisches, methodisches und pädagogisches Repertoire (z.B. classroom behaviorial, clarity, feedback) verfügen, um als Regisseur in unterschiedlichen Akten agieren zu können!

Erfahrungen z.B. im Konzept „Miniphänomenta“ haben mir gezeigt, mit wie wenig Steuerung Schüler zu erstaunlichen Ergebnissen kommen können. Zur Erläuterung: bei diesem Konzept arbeiten SuS ohne Hinweise von Lehrkräften in der Pause oder in Unterrichtsphasen an frei zugänglichen Exponaten mit denen sie sich physikalische Inhalte erarbeiten. Die zeitintensive Methode fördert vor allem Interessen und Selbstkonzepte und bringt SuS auch ohne Input der Lehrkraft zu Fachinhalten und experimentellen Kompetenzen. Meine Erfahrungen gerade mit I-Kindern dazu sind für mich eindringlich. Der „kleine Kevin“ blühte bei dieser Form der aktiven Teilhabe geradezu auf und wurde Leistungsträger in meinem Unterricht. Werd ich nie vergessen!

In diesem Bild sehe ich die Rolle des Lehrers als Moderator für angemessen. In anderen Situationen muss er aber Regisseur sein, der klare Vorgaben macht. In einem Beitrag für den Friedrich Verlag hab ich das auch vor längerer Zeit mal praktisch für den Unterricht im Fach Naturwissenschaften skizziert. Letztlich ging es mir um einen allgemeinen Zaun um ein offenes Feld und viele kleine Präventionen aus Lehrerhand, basierend vor allem auf Werken von Keller und Eichhorn, die ich in meiner Fortbildungsreihe zum Classroommangment immer einarbeite.

Eines sollte aber hier deutlich werden – auch die nahezu chaotische Struktur in offenen Experimentierphasen mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen kann durch einen allgemeinen Rahmen und viele kleine Ideen gestützt werden. Bedenkt man einige Dinge im vorne herein so kann sich der offene, experimentelle Unterricht als Freiheit in Sicherheit entfalten ohne dabei zu Beliebigkeit oder Destruktion zu führen.

Damit komme ich nun auch zu meinem eigentlichen Beitrag zur Diskussion.

Letztlich ist die Forderung nach Partizipation, wie schon dargelegt sehr sinnvoll, aber nicht um jeden Preis.

Es geht um die situative Einschätzung des Lehrers, der festlegt wann Partizipation angebracht ist und wann nicht.

Im Classroommanagment spricht man von Prävention und Intervention von Unterrichtsstörungen. Gerade in diesem Feld wird Partizipation in schwierigen Klassen als kontraproduktiv angesehen. Im Extrempunkt ist das leicht einsehbar. Der Big Brother Versuch nur Kinder unter sich zu lassen fällt mir dazu ein. Die Ausstrahlung endete im Desaster, Psychoterror war an der Tagesordnung. Eine komplette Selbstbestimmung im Unterricht kann es schon mal nicht sein.

Ich will hier aber gar nicht Gefahr laufen als Pädagoge abgestempelt zu werden, der das Heft nicht aus der Hand gibt und Frontal und komplett lehrergesteuert unterrichtet.

Mein Plädoyer ist die situative Bewertung wann Freilauf gewinnbringend ist und wann kontraproduktiv.

Den Kern der Arbeit als Lehrer macht m.E. die Bewertung aus, was für die einzelne Person zu mehr Lernerfolg führt. Für manche bedeutet das Partizipation, für manche und in mancher Situation auch nicht! Beispiele dazu habe ich auf Frage von @halfman1334 der inzwischen auch in die Diskussion einstieg auf Twitter gegeben:

All diese Beispiele beziehen sich auf Erfahrungen, die ich direkt machen konnte. Prägende Beispiele für mich sind z.B. der Einsatz von Chemieexperimenten. Klar können SuS, die auch in Teilen mit mir entwickeln. In NaWi ist dies sogar wesentlicher Bestandteil meines Unterrichts. Ich habe aber die Verantwortung für Sicherheit der SuS und von daher hat Freiheit hier auch sinnvolle Grenzen. Ein Beispiel:

Eine Kollegin erprobte in einem Praktikum, wie SuS darauf reagieren, wenn sie ihre Experimente auf Basis von Chemikalien, die vorne vorgegeben waren selbst zusammensetzen konnten. Ergebnis: Viel hilft viel! Hier wurde den SuS zu viel zugemutet, sie geradezu gefährdet.

Ein weiteres Beispiel habe ich in der Arbeit mit Hochbegabten erlebt. Hier habe ich vor einigen Jahren einen Enrichmentkurs angeboten, der dem Tenor entsprach: „Du kommst mit deinen Ideen vorbei, ich helfe dir sie umzusetzen!“ Ziel sollte die Teilnahme an Jugend Forscht sein. Im Ergebnis zeigten die ca. 20 Hochbegabten große Schwierigkeiten sich zu Strukturieren und ihr Projekt über ein halbes Jahr zu entwickeln. Die Teilnehmer waren schnell demotiviert und blieben dem Kurs fern. Auf Basis dieser Eindrücke gestaltete ich den Kurs um und gab nun deutlich mehr vor. Nur die letzte Einheit des Kurses ist nun von den Teilnehmern zu gestalten, die anderen Einheiten sind Anregungen in Form von Experimenten von mir. Seit drei Jahren ist dieser Kurs der Renner im Bezirk!

Natürlich ist die Konsequenz aus diesen Ausführungen kein Verzicht auf Partizipation, aber nochmal: in der angemessenen Dosis!

Zahlreiche positive Erfahrungen mit Partizipation lassen sich z.B. machen, wenn man Schüler ermutigt Aufgaben und Rollen im Unterricht zu übernehmen und mitzugestalten, wie z.B die Laborassistenten zu denen ich meist die größten Raufbolde ernenne. Den ein oder anderen hab ich damit schon durchs Abi gebracht, weil Wertschätzung sie aus ihrer üblichen, destruktiven Rolle brachte.

Kommen wir aber zu der Rolle, die ich der Partizipation vordringlich zuschreibe und das ist das formative Feedback/Evaluation, wie es Hattie fordert. Um dabei nicht wieder Störfaktoren einzuarbeiten halte ich viel von implizitem Feedback via Rückmeldebögen, zu Kriterien des Unterrichts. Es gibt bei mir einen Feedbackbogen mit verschiedenen Perspektiven des Unterrichts. Hier erhalte ich regelmäßig Rückmeldung, ob die Kunden mit meiner Arbeit zufrieden sind und wo es hakt. Dabei bleibe ich dennoch der Lehrer der die Verantwortung über die Lernprozesse hat (nicht weil ich das will, sondern weil es mein Job ist) aber natürlich orientiere ich mich dabei an den Schülern und mache ihnen das transparent.

Ein Satz dazu, der das verdeutlicht und den meine Schüler vor mir schon herunterbeten können:

„Ich kämpfe jeden Tag für jeden Einzelnen von euch,  dass jeder die besten Bedingungen zum Lernen hat!“

Das bedeutet aber auch, dass wenn jemand die Bedingungen für die anderen einschränkt, dass er mit Sanktionen (kreativen pädagogischen Denkanregungen) von mir rechnen muss und vor allem das ich die Entscheidungsgewalt und Verantwortung trage. Man spricht an anderer Stelle von einem autoritativen Lehrstil, der neben klaren Rollenverteilungen aber auch viel Unterstützung beinhaltet. Ich bin also kein harter Hund sondern sehr für meinen Einsatz bei den Schülern beliebt und für gerechte Beurteilung geschätzt. Im Classroommanagment ist mir diese Form von Gerechtigkeit sehr wichtig. Daher ist mir der Ansatz von @halbtagsblog zum Thema Sitzordnung auch sympathisch.

Reformpädagogisch hübsch klingen die Klassenkonferenz, selbstbestimmte Klassenregeln oder Sitzordnung, doch welche Effekte haben sie? Schon mal nachgefragt?

Wichtiger als die Einrichtung von Regeln ist die Aufrechterhaltung. Jedes Regel, die nicht konsequent eingefordert wird schwächt die Autorität des Gesamtwerks. Wozu erstellen und unterschreiben SuS Klassenregeln, wenn sie nicht eingehalten und eingefordert werden. Der Lehrer kann damit den Regelkatalog auch selber bestimmen. Wichtig ist, dass er ihn transparent macht und für die gerechte Einhaltung sorgt. Bei der Sitzordnung ebenso.

Eine selbstbestimmte Sitzordnung ist ungerechter, als eine bestimmte, die stetig wechselt. Bei der Selbstbestimmten setzen sich Strömungen der Klasse durch, die „coolen“ rotten sich zusammen, die Außenseiter bleiben am Rand. Wenn die Konvention aber vorgibt, dass alle immer wieder wechseln sind alle gleich betroffen. Es ist der Zufall, keine Gruppe oder Lehrer der z.B. für vier Wochen eine ungünstige Konstellation vorgibt oder nicht. @halbtagsblog ergänzt aus meiner Sicht aber richtig, dass Eindrücke des Lehrers zur Anpassung der Sitzordnung führen. Auch hier ist die Sicht des Lehrers eine andere, als die der Schüler.

In einer Klasse, die sich durch ein klares Regelsystem auszeichnet kann und sollte dann natürlich auch die Partizipation zu ihrem Recht kommen, davor steht aber erst einmal die Etablierung eines klaren Systems in dem sich alle wohl fühlen.

Ich sehe hier einen Grund für die Diskussion auf twitter. Wie ich Eingangs schon schrieb gleicht keine Unterrichtssituation der anderen. Mit Klassen im Problemviertel bin ich ganz anders umgegangen, als im Speckgürtel. Klare Richtlinien und Normen waren hier notwendig, weil sie von Haus aus nicht gesetzt wurden. Im Speckgürtel sah die Schülerschaft ganz anders aus, Partizipation ein ganz anderer Stellenwert. Der Naturwissenschaftliche Unterricht (NaWi) bündelt im Konzept des forschendes Unterrichts (Forscherkreis) zahlreiche Akzente der Partizipation, wie z.B. die Mitbestimmung bei der Wahl des Themas, bei der Planung des Themas, beim Engagement zur Zielerreichung und beim Feedback am Ende der Einheit. Blanke Theorie, die in einigen Klassen wirklich toll funktioniert. In anderen Klassen oder zuweilen auch nur bei einzelnen Schülern führt der Freiraum zu Destruktion, Unterrichtsstörung, Überforderung, Missmanagment und Unmut.

Lange Zeit fand ich die Rolle des Lehrers als Moderator im Hintergrund charmant. Inzwischen halte ich den Regisseur auch für angemessener. Freiheit ja, Beliebigkeit nein und vor allem eines immer das scharfe Auge, was für den Schüler gerade angebracht ist!

Hilpert Meyer hat mir in einem Seminar in diesem Jahr dazu ein schönes Bild geliefert. Nicht Moderator, nicht Regisseur sondern Puppenspieler sollten Lehrer sein, aber nicht die Schüler spielen sondern sich selber als Puppe immer weiter analysieren und ausprobieren.

Der Lehrer als eigener Strippenzieher - H.Meyer in Demuth/Meyer/Fischer: Unterricht weiterentwickeln und beurteilen, CAU Kiel, 2016
Der Lehrer als eigener Strippenzieher – H.Meyer in Demuth/Meyer/Fischer: Unterricht weiterentwickeln und beurteilen, CAU Kiel, 2016

Das waren nun ein paar vordringliche Eindrücke zu dieser Debatte. Wer es bis hier unten geschafft hat dem fasse ich nochmal kurz zusammen:

  • Schlagworte wie Partizipation nicht um der Sache wegen, sondern nur „auf Nachfrage“ der Schüler
  • Freiheit ist toll! Sie braucht aber einen klaren Rahmen für Gerechtigkeit!
  • Ehrliche formative Evaluation & Feedback und die Folgen daraus sind die wichtigste Form der Partizipation am Unterricht!

Und die Frage für den Titel des Beitrags, der mich irgendwie an Richard David Precht erinnert will ich auch noch beantworten:

Partizipation beschreibt für mich Maßnahmen zur aktiven Mitgestaltung von unterrichtlichen Prozessen. Im Kern liegt die Planung und Steuerung dieser Prozesse bei der Lehrkraft. Es gibt aber nicht eine Partizipation sondern verschiedene Situationen auf die angemessen reagiert werden muss. Wenn Partizipation möglich ist sollte sie eingebaut werden, wenn nicht dann aber nicht der Sache wegen! Die Schulung von Lehrkräften dahin dies angemessen zu erkennen sollte (auch) Ziel einer Partizipationsförderung sein.

Edit:

In der Blogparade hat @Mittelbach inzwischen auch einen Beitrag beigetragen von dem ich vor allem folgende Passage wesentlich finde.

Natürlich muss die gesamte Partizipation entwicklungsangemessen, altersadäquat und lebensweltspezifisch durchgeführt werden. Die Zielgruppenorientierung ist immens wichtig, da ansonsten entweder eine Unter– oder Überforderungssituation künstlich hergestellt wird.

Warum? Weil alles andere in seinem Beitrag richtig, zuweilen sehr stark akzentuiert (fast schon politisiert) ist aber genau auf diesem Punkt fußt! @halbtagsblog hat es inzwischen bei twitter kurz zusammengefasst:

@herrrau sieht das ähnlich und bloggt dagegen, dass Schülerinnen und Schüler sogar Mitbestimmung gar nicht wollen.

Jedenfalls hätte ich da sehr gerne sehr viel mehr Beteiligung der Schülerinnen und Schüler. Nur: ebendiese wollen das nicht. Verstehe ich auch – als Schüler habe ich Schule als sehr willkommene Dienstleistung empfunden, und hätte es als Zumutung empfunden, wenn ich mich in irgendeiner Form über den Unterricht hinaus hätte einbringen müssen. Dejan zitiert Jan-Martin: „Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.“ Ich glaube, das stimmt. Ich würde sie aber gerne dazu kriegen, wählen zu wollen und mitzuentscheiden. Wie das geht, weiß ich aber nicht. Und ich bin mir nicht mal sicher, dass das nötig ist, um später aus ihnen bessere Demokraten zu machen. Vielleicht.

Relativierung meine ich mit diesem weiteren Beitrag hier auch keinesfalls. So darf der Beitrag nicht verstanden werden! Der gute alte Paracelus mit seinem Zitat ganz oben im Blog würde Partizipation auch nicht Gift nennen, mit der richtigen Dosis stehe ich ihm aber bei vielen Zielen des Unterrichts bei. Bemühungen für besseren Unterricht sollten immer vor Ort beim Schüler anfangen und da muss man sehen, dass nicht allen Schülern per se die gleiche Medizin gut tut, ein guter Lehrer der die richtige Medizin verschreiben kann tut gut!

Ein paar Ideen haben wir ja nun auch zusammentragen können. Vielleicht habt ihr noch mehr Ideen für sinnvolle Partizipation?

Zum Abschluss will ich noch einen anregenden Beitrag liefern, den ihr gerne weiter kommentieren könnt. Ich halte die Partizipation der Eltern im Unterricht und in Schule nämlich für wesentlicher, als die der Schüler. Über das Einbinden von Eltern in meinen Unterricht erhalte ich einen starken Motor zur Entwicklung von Unterrichtsqualität. Statt Kuchen backen dürfen meine Eltern mit mir Exponate für den Schulflur bauen, grüne Klassenzimmer planen und gestalten oder die Einrichtung von iPad Klassen mitgestalten. Elternhaus und Lehrer haben beide das Ziel das Kind bestmöglich zu unterstützen; klappt zusammen viel besser und entspannt an Elternabenden. (Wir grillen immer zusammen…)

Wie steht ihr denn dazu? Wie viel Partizipation gesteht ihr euren Eltern zu?

 

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  1. Blogparade Partizipation – Wie viel Mitbestimmung braucht Schule? | Dejan Mihajlovic
  2. Ich entscheide. – Halbtagsblog

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